Cover: Alina Bronsky; Mamas Liebling

War die Rivalität zwischen den Zwillingen Esau und Jakob, samt Versöhnung im Alter, Gottes Plan? Oder wohnen Neid, Eifersucht, Betrug bis hin zu Tötungsphantasien allen Geschwisterverhältnissen inne, wenn Eltern ihre Konkurrenzen über die Kinder austragen?

Erzählt wird jedenfalls eine zeitlose Familienstory, worin Kinder nicht wirklich geliebt und geachtet werden: Papa Isaak bevorzugt den männlich-behaarten, tatkräftigen Esau, Mama Rebekka den (aal)glatten, schlaueren Nachkömmling Jakob. Durch mütterlich ausgeheckten Betrug an Esau wird Jakob der Gründer Israels und damit legendär. Bronsky nutzt für ihre Adaption der Geschichte aus dem Alten Testament ein attraktives Verfahren: Sie lässt Esau erzählen. Dass Jakob in dessen Rückschau immer „ätzend war“, liegt perspektivisch nahe. Nicht nur unter fiesen Geschwistern Leidenden spricht Bronsky damit aus der verletzten Seele. Aber: Mutet Esaus rotzig-moderner Erzählton auch ausgesprochen bibelfern an, so provozieren seine relativ schlichten Reflexionen bibelnah die Frage, ob Esau Jakobs „höheren“ Aufgaben gewachsen gewesen wäre, Erstgeburtsrecht und versagter Vatersegen hin oder her. Ein geschickter Kunstgriff der Autorin, gläubige und ungläubige Leser gleichsam ansprechend. Kahanes grell-farbige, grob-archaisch-flächige Überzeichnungen von Menschen, Orten und Dingen geben den alttestamentarischen Nacherzählungen der Chrismon-Reihe ein unverwechselbares Gesicht, bergen aber die Gefahr der Stereotypisierung. Blau kommen die Brüder aus dem Mutterleib, blau bleiben ihre Gesichter lebenslang. Ästhetischer Ausdruck eines, dem Reihenkonzept widersprechenden, erstarrten Mythos?  Überaus vergnüglich ist es, wenn Kahane „zusätzlich“ erzählt, wie z. B. wenn sie die gegenseitige Perfidie der Brüder in der Kindheit comicartig zusammenstellt. Schon auch die Entscheidung, die berühmtesten Episoden (Linsengericht, Vaterbetrug) als reine Bildgeschichten doppelseitig anzulegen, für Bibelfeste zur Erinnerung, für Mythen-Neulinge als Merkhilfe.

Ohne Zweifel gehören Bibelgeschichten mit ihren Folgen für Kunst und Literatur ins kulturelle Gedächtnis. So wie Bronsky und Kahane „eine Geschichte von Jakob und Esau“ erzählen, lässt sie eine gottvolle und eine gottlose Lesart zu, eine historische, mythische und psychologische. Diese Offenheit ist eine wunderbare Vorlage für den Ethik- und Religionsunterricht. Psychologisch-literarisch reizvoll wäre es, anhand von Illustrationen die Familiengeschichte aus Jakobs Perspektive zu erzählen.

Claudia Rouvel