Cover: Alexis Deacon; Vogel und Krokodil

Zwei gleich große Eier stecken im Wüstensand, darüber der weite Sternenhimmel. Einander zugeneigt wirken sie wie eine Einheit. „Ich bin so froh, dass du mein Bruder bist …“, sagt das eine Ei. Da knackst es. Aus den Eiern schlüpfen … ein Vogel und ein Krokodil. Einheit und Gleichheit sind dahin. Trotzdem sagt der Vogel „Hallo, Bruder“. Ausgestattet mit jeweils anderen Instinkten und Fähigkeiten sichern die „Brüder“ ihr gemeinsames Überleben. Sie lernen voneinander, erkunden die Welt, erfahren deren Schönheit, wachsen zusammen. Eines Tages geraten sie „zu einem See voller Krokodile in einem Wald voller Vögel“. Die überraschende Erkenntnis lautet: „Wir sind gar keine Brüder“. Neugier auf die vermeintlich eigene Art treibt sie auseinander. Doch die Integration misslingt. Sie sind anders als ihre Artgenossen, fühlen sich einsam, gehören nicht dazu. Der Vogel fliegt fort in die Nacht und findet das Krokodil auf einem Baumwipfel hockend. Aneinander geschmiegt schlafen sie ein. Das Schlussbild nimmt Einheit und Zuneigung, welche eingangs evoziert sind, wieder auf.

Was der pointierte Text nur andeutet, findet sich in den gedeckten Aquarell- und Kreidezeichnungen, ergänzt durch viele komische Details, wieder. Die Ergänzungen verleihen der poetischen Beziehungsgeschichte Leichtigkeit, aber auch Komplexität und Tiefe. So z. B. wenn Krokodil ein exotisches „Angebot“ überdimensionaler Futtersorten anschleppt, weil es noch nicht weiß, „was sie mögen“. Oder der Text sagt „Die Zeit verging“ und die Einzelbilder zeigen Wachstumsprozesse. Kleine, gerahmte, comicartige Bildfolgen wechseln mit doppelseitigen Panoramen. Letztere sind mal stark reduziert (Wüste, Himmel), mal undurchschaubar phantastisch-exotisch-amorph gestaltet. Alles lädt zum Schauen, Erzählen und Rätseln ein. Sind Krokodil und Vogel in der Gruppe der Artgenossen zu entdecken? Sind sie am Meer oder im Wald?

Wie so oft dient im Sinne kindlichen Verständnisses die ästhetische Verfremdung der Tierwelt als Gleichnis für die Menschenwelt. Auf kindlich-naive Weise, aber keineswegs simpel, wird von Urvertrauen und frühen Prägungen, Herkunft und Sozialisation, Verunsicherung und Gewissheit erzählt. Dahinter liegen philosophische, psychologische und soziale Fragen, welche Kinder durchaus vertraut sind. Anhand von Text und Bildern kann weiter nachgedacht werden. Bereits die Umschlaggestaltung bietet einen spannenden Gesprächseinstieg. Feder- und Krokodilhaut-Ornamente, Eier und „Bruder“-Text (s. o.) machen neugierig und laden zu möglichen Geschichtenanfängen mündlicher oder schriftlicher Art ein.

Christiane Nowak