Cover: Alexandra Litwina, In einem alten Haus in Moskau

Vorweg gesagt: Dieses Buch (er)fordert Interesse an Familiengeschichte(n) bzw. überhaupt an Geschichten von „früher“. Belohnt würden entsprechende Leser*innen mit Einsichten darüber, wie eng persönliche Geschichte(n) und politische Ereignisse miteinander verbunden sind, egal ob in Russland, Deutschland oder anderswo. Stellte sich dieser Eindruck ein, hätte sich ein Anliegen von Autorin und Illustratorin erfüllt.

Anhand der Mietwohnung eines alten Moskauer Hauses gestalten sie ihren Streifzug durch 100 Jahre russische Geschichte, wählen 13 Jahreszahlen zu historischen Ereignissen aus und stellen deren Einfluss auf das Leben der Familie Muromzew dar. Kriege und Revolution, politische Unruhen und gesellschaftliche Veränderungen, wissenschaftliche Entdeckungen und technische Erfindungen – vieles, was (nicht nur) Russland bzw. die Sowjetunion von 1902 bis 2002 bewegte, spiegelt sich darin wider. Die Umsetzung dieses komplexen Vorhabens gelingt, weil ästhetische Entscheidungen bei Text- und Bildgestaltung rezeptionspsychologische Aspekte bedachten: das Großformat, die konsequent gleiche Gestaltung der Doppelseiten samt Bildaufbau. Gedeckt gefärbte Bilder zeigen Schnitt und Einrichtung der Wohnung, verraten etwas über Hobbys und Berufe der Mieter, beleuchten Situationen. Je Generation erzählt ein Kind, was es beobachtet und empfunden hat. 1919 sieht die 9-jährige Marussja, wie die Mutter unter dem Parkett Silberlöffel hervorholt, um diese auf dem Markt gegen Fleisch zu tauschen. 1953 erlebt Marussjas 7-jährige Tochter Lena, wie gegensätzlich Lehrer, Eltern und Nachbarn auf Stalins Tod reagieren. Am Ende feiert Marussja ihren 92. Geburtstag in der ehemaligen Wohnung, jetzt ein Cafe. „Nur das alte Sofa ist noch haargenau dasselbe“, erläutert Marussjas 6-jähriger Urenkel. Der bewusst naive Erzählton wirkt mal lakonisch, mal besorgt, aber immer glaubhaft. Jeder Episode folgt eine Seite mit Reproduktionen oder Zeichnungen, die detailgetreu alltagskulturelle Gegenstände abbilden: Spielzeuge, Fotos, Briefe, Postkarten, Plakate, handgeschriebene Gedichte und Flugblatttexte, Rezepte, Waschpulverpackungen, Zigarettenschachteln.  Kurze Texte und Dialoge erklären Gesetze und Regeln jener Zeit(en), lenken die Rezeption auf die vorhergehende Episode und erweitern so das Verständnis für Andeutungen und Bemerkungen erwachsener Bewohner*innen. Gezeichnete Porträts des Familienstammbaums und von Nachbarn und Freunden regen das vergleichende Suchen nach Erzählerinnen und Personen an. Welche Möbelstücke bleiben, ähnlich wie das Sofa, erhalten? Wohin kam der große Bücherschrank nach der Einquartierung ausgebombter Familien?

Der Anhang des empfehlenswerten Sachbuches besteht aus einem Glossar, das fremde Wörter zu verstehen hilft, und aus Erläuterungen zu historischen Persönlichkeiten, Übersetzungen und Zeitungsartikeln.

Sabine Mähne