Cover: Alex Wheatle, Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton

„Wer auch immer es war, er konnte warten.“ Die SMS, die den 14-jährigen Lemar am Ende des Romans „Liccle Bit“ erreicht, bleibt ungelesen. Damit ist die „Gangster-Sache“ zwar keineswegs ausgestanden, doch weiß der „zweitkleinste Junge seines Jahrgangs“ jetzt, was im Leben wichtig ist und auf wen er wirklich zählen kann. In den Monaten davor hatte Lemar mit Freunden abgehangen, das schönste Mädchen der Schule porträtiert und sich von Obergangster Manjaro in schmutzige Geschäfte verwickeln lassen – für ein bisschen Geld und Aufmerksamkeit. Denn an beidem fehlt es Lemar in seiner Familie, in der jeder mit eigenen Problemen kämpft: Das Kind, das der Vater mit der neuen Frau hat, ist krank; die immer noch unter der Scheidung leidende Mutter rackert sich für die Großmutter, Lemar und dessen 19-jährige Schwester samt Baby vom „Ex“ Manjaro allein ab.

Alex Wheatle siedelt seine Sozialstudie um Aufstiegsträume, Freundschaft, Familie und Kriminalität in Crongton an, einer fiktiven Stadt, in der sich Banden blutige Kämpfe liefern, Jugendliche keine Perspektive haben und sich dennoch – in der alterstypischen Mischung aus coolen Sprüchen und altklugen Lebensweisheiten – eine schöne Zukunft ausmalen. Wheatle, der wie sein Protagonist jamaikanische Wurzeln hat, während einer Gefängnisstrafe infolge der Bristol Riots zur Literatur kam und schon mehrere Bücher veröffentlichte, schwebte nach eigener Aussage für sein Jugendbuchdebüt ein Sound vor, in dem Hip Hop, Reggae und andere subkulturelle Ausdrucksformen zu einem typischen Straßen-Slang ineinanderfließen. So wird z. B. Usain Bolts Name in Anlehnung an das englische Verb to bolt (abhauen) zu: „… my  heart Usain Bolted“. Dass Wheatles Ambitionen nicht immer aufgehen, liegt zum einen daran, dass der Autor manchmal zu viel (aus)sagen will. Zum anderen ist es offenbar schwierig, den kreierten Slang im Deutschen glaubhaft klingen zu lassen, obwohl der Kunstmann Verlag mit Conny Lösch eine auf Underground- und Musikthemen spezialisierte Übersetzerin beauftragte. Um in das Buch bzw. das Thema Jugendsprache einzuführen, könnten auszugsweise Original und Übersetzung miteinander verglichen werden. Wie würden englischkundige Schüler*innen z. B. die provokante Ansprache „Hey Nine Months …“ übersetzen? Auf Wheatles weitere Bücher, welche das Leben in Crongton aus Perspektive von Lemars Freund McKay bzw. der Perspektive der Freundin von Lemars Schwester erzählen, darf man trotz allem gespannt sein.

Anja Krauß