„Die besten Bücher sind die, in denen die Hauptfigur etwas tut … aus diesem Grund könnte ich … nie die Hauptfigur in einem Buch sein.“ So sieht sich die 10-jährige Amy. Ständig schüchtern an ihren vielen Zöpfen mit eingearbeiteten Perlen lutschend, zieht sie sich am liebsten in die Schulbibliothek zurück. Ihr Lieblingsbuch heißt „Gilly Hopkins – eine wie keine“ und als dieses Buch mit anderen Büchern auf eine Liste kindergefährdender Schriften kommt, ist sie verzweifelt. Als sie vor dem Schulausschuss auf Bitte der Bibliothekarin Mrs. Jones gegen die Verbote sprechen soll, kriegt Amy kein Wort raus. Doch es regt sich Widerstand. Amy und andere gründen eine Geheime-Schließfach-Bibliothek (G.S.B.), was bedeutet: Die Bann-Bücher werden in Amys Spind gesammelt und weiter ausgeliehen. Um Ankäufe zu finanzieren, organisieren die Kinder Kuchenbasare. Tarnnamen für Buchtitel dienen zur Überlistung der Schulleitung. Die Situation eskaliert, als die Geheimbündler ausgesonderte Bücher aus der Schulbibliothek stehlen und Mrs. Jones entlassen wird. Im Rahmen einer öffentlichen Ausschusssitzung mit Medienpräsenz starten die Schüler*innen eine Großaktion, welche die Buchzensur ad absurdum führt. Amy wird „eine wie keine“.

Angesiedelt in einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt plädiert Alan Gratz in seinem aufklärerisch intendierten, aber gleichzeitig spannend-vergnüglich zu lesenden Kinderbuch für demokratische Grundrechte wie Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung. Letzteres macht er neben der Zensur-Kritik, in den USA gängige Praxis (s. Nachwort), auch zum Thema eines Schulprojektes, worin Ich-Erzählerin Amy und Trey, Sohn der Zensur-Initiatorin und Stadtmäzenin, als Paar arbeiten müssen. Diese Beziehung birgt zusätzliche Spannung, denn lange bleibt offen: Spioniert Trey für die Mutter oder steht er auf Seiten der Buchverteidiger? „Amy und die geheime Bibliothek“ lebt von der Gruppendynamik, lebendigen Dialogen, originellen Einfällen und der Solidarität der etwas idealtypisch gestalteten Gemeinschaft, deren Mitglieder unterschiedlichen sozialen Schichten entstammen, darunter auch Farbige und Menschen mit Behinderung (Amys Hautfarbe können Leser*innen nur aus einem Vergleich mit der ihrer Schwestern erschließen.). Auf jeden Fall werden sich nicht nur Leseratten wünschen, Teil dieser Widerstandsgruppe zu sein. Als Nebeneffekt wird Interesse für bestimmte Bücher geweckt. Denn: Auf sehr knappe Weise
empfehlen die Bücherretter einander Bücher (und damit den Leser*innen). Dementsprechend lägen vor einer Bucheinführung empfohlene Bücher bereit, würden angelesen und mit der Frage verbunden, warum diese für Kinder schädlich sein könnten, z. B. „Matilda“, „Julie bei den Wölfen“, „Harry Potter“ … Sucht die Schimpfwörter!

Claudia Rouvel