Cover: Adam Jaromir; Fräulein Esthers letzte Vorstellung

Warschau im Mai 1942. An der südlichen Mauer des Warschauer Ghettos steht ein graues, vierstöckiges Gebäude. Darin leben 200 jüdische Waisenkinder. Leiter des „Dom Sierot“ ist der Arzt und Pädagoge Janusz Korczak. Im verzweifelten Versuch, etwas gegen die mangelnde Versorgung seiner Schutzbefohlenen zu tun, geht Korczak täglich von Haus zu Haus, um Spenden zu erbitten. Doch nicht nur Unterernährung, Krankheiten und Enge versetzen ihn und die anderen Erzieher in tiefer Sorge. Wie kann man in solch einer Lebenssituation den Kindern – der Realität des Krieges zum Trotz – Hoffnung auf ein besseres Morgen vermitteln? Lebens- und selbstbejahende Rituale, wie das Pflanzen und Pflegen von Blumen, das Sammeln persönlicher Schätze in eigenen Schachteln und das Schreiben eines Tagebuchs sollen dabei helfen. Als Korczak den Vorschlag seiner Kollegin „Fräulein Esther“ aufgreift, gemeinsam ein Theaterstück von Tagore einzustudieren, scheinen für kurze Zeit Hunger und Krankheit vergessen …

Adam Jaromir erzählt die letzten drei Monate im „Dom Sierot“ – vor der Deportation der Kinder und Erzieher nach Treblinka. Dazu wählt er zwei Perspektiven, die des „alten Doktors“, basierend auf Originalnotizen, und die einer fiktiven Figur, der 12jährigen Genia. Beide erzählen im Präsens, was die Texte nah an die Leser rückt. Besonders Genias Aufzeichnungen über die Theaterarbeit machen Korczaks Motiv, den Kindern wider besseren Wissens Hoffnung zu geben, einsichtig. Dabei verklärt Jaromir keineswegs die Situation. Musik, Tanz, Schauspiel und Zeichnen („Akademie der schönen Künste“) sind nicht bloße Ablenkung, sondern bieten den Kindern Raum, sich selbst neu zu entdecken. Und: Neben der Beschäftigung mit einer anderen Kultur setzen sie sich stückgemäß mit dem „Sterben“ auseinander.

Es sind die kleinen Andeutungen kindlicher Bewältigungsstrategien, welche beim Lesen stark berühren. So spricht Genia z. B. von ihrer „papierenen Familie“, weil diese nur noch auf Fotos existiert. Auch die in Braun-, Grau und Schwarz gehaltenen Bilder von Gabriela Cichowska, meist Collagen aus eigenen Illustrationen und Dokumenten, wie z. B. Zeitungsschnipseln oder Amtsblättern der SS, beschönigen nichts. Das unaufhaltsame Schicksal der Kinder deutet sie konsequent an: Wiederholt auftauchende Kalenderblätter wirken wie ein Countdown, die stets geschlossenen Augen von Fräulein Esther scheinen nicht sehen zu wollen, was passieren wird … Aber da ist auch Hoffnung: eine rote Blüte in Genias Haar oder die grünen Stängel der von den Kindern gepflanzten Blumen … Besonders beeindruckt die 3-teilige Allonge, welche Korczaks Erinnerungen an lachende Kinder im Waisenhaus in der Krochmalna noch einmal auferstehen lässt. Als erschütternder Kontrast dazu steht – neben dem nüchternen Sachbericht über die Deportation im August 1942 – die letzte Illustration: leere Betten im „Dom Sierot“.

Michael Böhnisch