An der Biegung eines Flusses steht ein Baum. Um ihn herum vergeht die Zeit. Sind es Jahrzehnte oder Jahrhunderte? Während der Baum an seinem Ort verwurzelt ist, verändert der Fluss seinen Lauf, wird umgeleitet, überbaut, freigelegt oder tritt über die Ufer. Eine menschliche Zivilisation, die sich rechts und links an seinen Ufern ansiedelt, entwickelt sich, mal friedlich, mal kriegerisch. Aufbau, Zerstörung, Neubeginn, eine mögliche Zukunft: Nach technischem Overkill und ökologischer Katastrophe verschwinden Bauwerke und menschliches Leben. Die Landschaft, der Fluss – sie bleiben. Der Baum hat rechtzeitig für Nachkommen gesorgt. Die Zivilisation auch? Hoffnung keimt aus einer Eichel …
Der Illustrator Aaron Becker hat mit diesem textlosen Bilderbuch eine modellhafte Menschheitsgeschichte geschaffen, die durch Stilisierung, Anachronismen und Verfremdung zwar Ähnlichkeiten mit realen Orten und Entwicklungen aufruft, aber nicht konkret wird. Das Bilderbuch bewegt sich zwischen Fantastik und Realismus, verbindet Erdgeschichte mit den Auswirkungen menschlichen Einflusses auf die Natur.
Stimmungsvoll stellt Aaron Becker in detailreichen farbigen Darstellungen auf elf Doppelseiten den immer gleichen Ort zu einem jeweils anderen Zeitpunkt dar, einschließlich verschiedener Tages- und Jahreszeiten. Die Burg weicht einem Industriegelände, die strohgedeckten Häuser stehen mal in einem beschaulichen Städtchen, mal unter der Autobahn eines futuristischen Hochhausviertels.
Jedes Bild erzählt parallel mehrere Geschichten. Bemerkenswert ist das Buchcover, das mit der Spiegelung im Fluss den Wandel der Zeiten vorwegnimmt. Wieso ist eine Stadt zu sehen, die gar nicht am Ufer steht?
Beckers hochkomplexes, altersoffenes Bilderbuch eröffnet Kindern unterschiedlicher Altersstufen differenzierte Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit Themen wie Zeit, Geschichte, Ökologie oder Anthropologie. Für fächerübergreifenden Unterricht ist „Der Baum und der Fluss“ bestens geeignet.
Bereits mit Vorschulkindern ließe sich über Veränderungen in der Natur, die Verantwortung des Menschen und eigene Zukunftsvorstellungen sprechen. Diese könnten, insbesondere von älteren Kindern, in Fortsetzung – mit Baum und Fluss – zeichnerisch gestaltet werden.

