Wenn der große Bruder mit seinen Freunden auf Fahrradtour geht, will der kleine Bruder natürlich mit! Ein „Wir sind zu schnell für dich!“ will er nicht akzeptieren: „Ich bin auch schnell!“ Und los geht es mit Laufrad und rotem Fahrradhelm. Natürlich sind die größeren Kinder schon bald nicht mehr zu sehen. Als der große Bruder zurückkommt und darauf besteht, dass der Verfolger den Rückweg antritt, tut er dies nur widerwillig. Nach einem Sturz entlädt sich seine aufgestaute Wut. Die Begegnung mit der titelgebenden Schnecke wird schließlich zum Erweckungserlebnis: „Dann bin ich eben langsam!“ …
Der koreanische Animationsfilmer Minu Kim erzählt in seinem Bilderbuchdebüt von einem Bedürfnis, welches Kinder aller Altersgruppen kennen – mit anderen beziehungsweise älteren Kindern mithalten und dabei sein zu wollen. Dabei wählt Kim einen gestalterisch ungewöhnlichen Weg: feine schwarze Strichzeichnungen auf weißem Grund, die nur durch den rot leuchtenden Fahrradhelm und das gleichermaßen rote Schneckenhaus ergänzt werden. Die so entstehende Ruhe im Betrachten bereitet die später einsetzende innere Ruhe des Protagonisten vor („Sein Herz wurde leicht wie eine Wolke“). Durchbrochen wird dieses gestalterische Prinzip nur einmal: Die mit warmen Wasserfarben gestaltete Sonnenuntergangsszene verdeutlicht eindrucksvoll den Moment der Erkenntnis.
Kims Filmerfahrung zeigt sich deutlich im Ablauf des Geschehens. Die (Kamera-)Perspektiven variieren von extremer Vogelperspektive, einfacher Draufsicht, über die Normalperspektive auf Augenhöhe bis zur Froschperspektive – was gerade der temporeichen Rückfahrt des Protagonisten und damit dem Wendepunkt innerhalb der Geschichte eine starke Dynamik verleiht. Die klassische Bilderbuchform – der auktoriale Text ist im Bild integriert – wird von Comic-Panels und lautmalerischen Wörtern unterbrochen, und ein Manga-Einfluss in der Figurengestaltung ist unübersehbar.
Nicht „mithalten“ zu können, kann sogar von Vorteil sein; diese weise Erkenntnis ist ohne Plakativität angenehm zurückhaltend eingewoben und täte manchem Jugendlichen und Erwachsenen im stetigen Drang nach Selbstoptimierung gut. Dabei bleibt Kim immer nah an seinem kleinen Protagonisten, der in dieser kurzen Geschichte alle möglichen Emotionen durchlebt – von Selbstüberschätzung und Zuversicht über Ratlosigkeit, Verzweiflung und Wut bis zum erwachenden Selbstbewusstsein. Gerade weil der Gleichmut und die innere Ruhe des kleinen Kindes am Ende idealisiert sind, funktioniert die Geschichte wunderbar als Parabel für alle Altersgruppen – und kann auch schon mit kleinen Kindern reflektiert werden.

