Überall wird Sherezade, mit Kosenamen Shazi, von Fremden erkannt. Sie kennen Shazis Muttermal, ihre Kleidermarken, Vorlieben und Allergien. Denn 17 Jahre lang haben ihre Adoptiveltern als Influencer über den YouTube Kanal @therealwhites Videomaterial von Shazi veröffentlicht. Private Ereignisse sind für 9,4 Millionen Abonnenten in insgesamt 2064 Videos sichtbar. Trotz des Drucks, ständig vor der Kamera für den nächsten Vlog funktionieren zu müssen, wächst Shazi nicht ohne Liebe und Zuneigung ihrer Eltern auf. Doch was ist echt und was nur Mittel zum Zweck, um das heile Familienbild zu vermarkten, immer mehr Kooperationen mit Firmen für Merchandising abzuschließen und den eigenen Reichtum zu vergrößern? Als Sherezade aus diesem medialen Trubel ausbrechen will, passiert ein Unglück und das neue Haus der Eltern geht in Flammen auf. Als Strafmaßnahme wird Sherezade an einen entlegenen Ort in der Sächsischen Schweiz gebracht, in ein Resozialisierungsprojekt für straffällig gewordene Jugendliche. Und zum ersten Mal in ihrem Leben findet sie dort echte Freunde, verliebt sich und fasst Mut für ein neues, selbstbestimmtes Kapitel in ihrem Leben.


Basma Hallak erzählt mit Please Unfollow eine hochaktuelle Geschichte – von der Missachtung des Rechts am eigenen Bild über medialen Missbrauch bis hin zur Verletzung der Menschenwürde. Die Erzählstränge wechseln zwischen der Gegenwartshandlung im sächsischen Örtchen Morgenlicht, die von Sherezade (jetzt Sherry) aus der Ich-Perspektive geschildert werden, und auktorial verfassten Rückblicken auf Momente der Videoaufnahmen in ihrer Kindheit, die in ihrer knappen Form den Druck der jeweiligen Situation übertragen. Realitätsnah verfasst die Autorin Kommentare von Followern, die von affektiver Parteinahme für Mutter oder Kind bis zu perversen Fantasien nichts aussparen. So realisiert Sherry, wozu ihre Eltern sie für andere gemacht haben: „Lachnummer“, „ungezogene Göre“, „Wichsvorlage“. Die Gegenwart in der Resozialisierungsanstalt liest sich aufgrund der idyllischen Umgebung mit Badesee, schöner Natur, selbstbestimmtem WG-Leben und einem harmonischen Beziehungsgeflecht der Jugendlichen untereinander im Vergleich dazu märchenhaft. Die Gemeinschaft der Jugendlichen wird mit viel Witz und nah an den Figuren geschildert. Die Autorin lässt hier Raum für jugendliche Wunschvorstellungen und eine zeitgenössische romantische Idealisierung von gleichberechtigter und von Achtsamkeit geprägter Liebe, ohne dabei alles auszuerzählen oder zu kitschig zu werden.

Basma Hallak, die als Bookfluencerin bekannt ist, wurde für ihren Young Adult-Roman mit dem Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendium 2026 ausgezeichnet. Sie schafft es, mit dem Thema, dem langanhaltenden Spannungsbogen und ihrem flüssigen Erzählton junge Lesende zu überzeugen und wurde daher auch von einer der sechs Jugendjurys für den DJLP 2026 nominiert.
Jugendliche könnten sich zum Einstieg in das Buch mit einigen der Kommentare über Shazi auseinandersetzen und deren emotionale, soziale und mediale Auswirkungen debattieren.