Mama rennt den ganzen Tag: Morgens rennt sie mit ihren beiden Kindern zur Schule, danach zur Arbeit. Später zum Geigenunterricht und zum Schwimmkurs. Anschließend zum Einkaufen und zum Friseur. Doch so schnell Mama auch rennt, sie kommt nicht überall rechtzeitig an. Wie kann sie noch schneller werden? Eines Morgens erwacht sie nicht in ihrem eigenen Körper, sondern in der Gestalt eines Pferdes. Zunächst scheint diese Veränderung nicht nur „merkwürdig“ und „lustig“, sondern auch nützlich im Alltag zu sein. Mama „galoppierte so schnell, wie die Wolken fliegen an stürmischen Tagen“. Sie kommt nun zwar rechtzeitig zu all ihren Terminen, aber eine Umarmung oder einen Gute-Nacht-Kuss kann sie ihren Kindern nicht mehr geben …
Die argentinische Kinderbuch-Illustratorin Jimena Tello erschafft mit ihrem Bilderbuch eine fantasievolle Geschichte über die Herausforderungen vielbeschäftigter Mütter. Mit ihrer originellen Idee greift Tello neben dem gesellschaftlich relevanten Thema auch die Absurdität der allgegenwärtigen Rasanz und des sozialen Wettlaufs auf: Mutter und Kinder jagen von Termin zu Termin und kommen nicht zur Ruhe. Erzählt ist „Mama im Galopp“ in knapp gehaltenen Sätzen aus der Perspektive der Tochter. So richtet Tello den Fokus nicht nur auf die Frage, wie etwa alleinerziehende Mütter den Alltag bewältigen können, sondern bezieht auch die Sichtweisen der Kinder ein.
Die Illustrationen spiegeln das Tempo des hochtourigen Alltags wider. Sei es durch die nach hinten fliegenden Haare der rennenden Mama oder durch die hinter ihr her stolpernden Kinder. Die cartoonartigen, mal traurig-verzweifelten, mal fröhlich-entspannten Gesichtszüge der Charaktere unterstützen die dynamische Wirkung der Bilder. Bewegt und belebt wirkt auch die leuchtende Kolorierung der Figuren und Szenerien in kräftigen Buntstiftfarben, vor großzügigem Weißraum oder in wimmelbildartigen Stadtszenen. Die rote Jacke der Mama ist auf jeder Doppelseite schnell gefunden und verleiht ihr als Hauptfigur sowohl in Menschengestalt als auch in der Gestalt des Pferdes eindeutigen Wiedererkennungswert.
Jimena Tellos Bilderbuch eröffnet zahlreiche Gesprächsanlässe, angefangen mit den auf dem Vorsatzpapier dargestellten Kindern aus aller Welt, die an der Hand ihrer Mütter rennen. Was könnte der Grund für die Eile sein? Nach der Lektüre des Buches könnte überlegt werden: In welches Tier würde man die eigene Mutter verwandeln wollen, um – im eigenen Tempo, schnell oder langsam – gemeinsam Zeit zu verbringen? Das Tier kann dann mit Buntstift gezeichnet werden.

