Die Stadt Prince Rupert an der Westküste Kanadas „steht für Regen und Fischerei“. Beides ist schon immer Teil von Mias Leben. Gemeinsam mit ihrer Großmutter, ihrer Mutter und wechselweise anderen Verwandten bewohnt Mia ein heruntergekommenes Haus in der Nähe des „Reserve“ Kitkatla, in dem ihre indigene Gemeinschaft der Gitxaala Nation beheimatet ist. Mias beste Freundin Lara lebt gegenüber in einer Villa mit opulenter Kinderzimmereinrichtung, an der auch Mia großen Gefallen hat, wenngleich Larasstrenge Mutter immer wieder beim Spielen stört. In dieser Familie mit ungarisch-mexikanischen Wurzeln wird Fisch frittiert und als Fish and Chips verzehrt, während in Mias Familie Lachs traditionell in Einmachgläsern eingelegt und häufig kalt gegessen wird. Das Geld ist knapp. Bei Familienausflügen spielen Alkohol und Glücksspiel eine große Rolle. Schule ist für Mia eine leidige Pflicht. Die Ausflüge, gemeinsam mit Lara auf einem Bonanza-Rad, bedeuten Freiheit. Doch dann wechselt Lara die Schule und verbringt ihre Zeit lieber mit den neuen Klassenkameraden. Wie lässt sich die Freundschaft aufrechterhalten?
Kim Spencer wurde für ihre autobiografisch geprägten Erzählungen über eine Kindheit als „Native“ in den 1980er Jahren unter anderem mit Kanadas höchst dotiertem Kinderbuchpreis ausgezeichnet. Aus der Ich-Perspektive gibt sie in Weird Rules Einblick in das Leben einer erst 10- und später 14-Jährigen, die zunehmend ihre eigene Weltsicht entwickelt. Mia merkt, welche Regeln in unterschiedlichen Communitys gelten und inwiefern sie „anders“ ist. In der reflektierten Erzählweise offenbaren sich gesellschaftliche Ressentiments bis hin zu strukturellem Rassismus. Auch in der Freundschaft mit Lara gewinnen „brown“ und „white skin“ immer mehr an Bedeutung, bis die beiden in der Junior High School getrennte Wege gehen: „Es schien, als hätten wir keine andere Wahl.“
Die episodischen Kapitel, die der Chronologie der Ereignisse folgen, enden häufig überraschend nüchtern. Sätze wie „Ich tue, als hätte ich ihn nicht gehört“ oder „ich verschränke die Arme“ drücken Resignation aus, sind aber auch als Rebellion zu deuten. Bei aller Zerrissenheit schimmert bei Mia immer wieder Wut durch. Es bleiben Leerstellen und Fragen zu Gerechtigkeit und Zugehörigkeit. Umerziehung in Residential Schools, Landenteignung und die sozialen Folgen der Kolonialzeit in Kanada sind ohne kommentierende Empörung in Spencers Erzählung eingewoben. In Fußnoten, einem Vorwort und einem Sachteil am Ende des Buches gibt es „Erklärungen zu problematischen Begriffen“, die den Sprachwandel in Kanada seit den 80er Jahren spiegeln.
Um auf die Figur der Mia und ihre Lebensumstände einzustimmen, könnten Kinder ab 10 Jahren sich darüber austauschen, welches für ihre Familie wichtige Gericht sie besonders gerne essen und wer es für sie auf welche Weise zubereitet.

