1933. Adolf Hitler wird Reichskanzler. Aufmerksam beobachtet das Mädchen Ingrid die Aufmärsche, erste Repressionen auf der Straße, ihren nachdenklichen Vater … Als der Nachbar, der in der Gewerkschaft aktiv ist, nachts abgeholt wird und nicht zurückkehrt, als dessen kranke Tochter vom Arzt nicht behandelt wird und stirbt, als ihre Eltern ständig versuchen, keine Aufmerksamkeit zu erregen, weiß Ingrid instinktiv: Das alles ist nicht richtig!
1934. Ingrids jüngerer Bruder Paul wird eingeschult. Schnell begeistert er sich für die Hitlerjugend, will mitmachen und mithalten. Paul beobachtet einen Angriff der Hitlerjungen auf Ingrid und ihre Freunde. Diese schlagen die Angreifer in die Flucht, ertappen den Beobachter Paul und lachen ihn aus. Ingrid schweigt und greift nicht ein. Eine Kluft zwischen den Geschwistern entsteht – mit verheerenden Folgen.
Ingo Haeb und Luise Mirdita haben ihre Graphic Novel klar strukturiert: In 13 Episoden, chronologisch den Jahren der Nazi-Diktatur folgend, erzählen sie von prägenden Erfahrungen der Kinder: dem Tod der Mutter, dem unterschiedlichen Umgang mit der Trauer, der regimetreuen Stiefmutter, Pauls Aufstieg in der Hitlerjugend, Ingrids erster Liebe zu einem Mädchen …
Luise Mirdita gestaltet in ihren monochromen Zeichnungen die unterschiedlichen Lebenswege der Geschwister und nutzt dabei häufig Portraits, die Verzweiflung, Trauer, Wut, Hass, Entsetzen zeigen und unter die Haut gehen. Dabei wechselt sie zwischen kindlich-unschuldigen Gesichtsausdrücken und erschütternden, fast entstellten Menschenbildern, entsprechend den persönlichen und gesellschaftlichen Ausnahmesituationen.
Illustratorin und Autor verdeutlichen eindringlich den Einfluss einer Diktatur auf (junge) Menschen – in beide Richtungen: Anpassung/Mitläufertum versus Widerstand. Die charakterliche Entwicklung der Geschwister wird fast nur anhand der Bilder gezeigt. Ingrid bleibt sich von klein auf treu und lehnt die menschenverachtende Ideologie ab. Der nach Anerkennung strebende Paul begeht Verrat an seiner Schwester, gerät jedoch zunehmend in Zweifel und leistet schließlich aktiven Widerstand. Der knappe und wohlüberlegt eingesetzte Text lässt vieles offen, ebenso wie die zeitlichen Sprünge zwischen den Jahren. Was in der Zwischenzeit passiert, muss mitgedacht und mitgefühlt werden.
Ergänzt werden die 13 Episoden durch eine Auflistung der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Ereignisse des jeweiligen Jahres. Erschreckend, wie rasend schnell gerade in den ersten Jahren die Nationalsozialisten Gesellschaft und Staat ihrer Ideologie anpassten und somit das Leben der Menschen tiefgreifend veränderten.
Ingrid und Paul ist eine Mahnung in Zeiten aufstrebender autoritärer Kräfte und zeigt deutlich, wie wichtig es ist, gerade bei jungen Menschen Empathie und Weitsicht zu fördern. Das Buch beginnt mit einem „Portraitfoto“ der lächelnden Kinder aus dem Jahr 1933 und endet mit einem Doppelportrait der jungen, von ihren Erlebnissen gezeichneten Erwachsenen im Angesicht der Gräuel des Holocaust. Eindringlicher kann man die Auswirkungen von Diktatur und Krieg kaum zeigen.

