Die 9-jährige Deetje wohnt zusammen mit ihrer Mutter im achten Stock eines Hochhauses. Von dort aus kann sie die ganze Welt sehen. Nun, nicht die ganze Welt, aber wenigstens die anderen Häuser in ihrem Block und deren Bewohner*innen, die sie bald schon näher kennenlernen wird. Eines Tages findet Dee auf der Straße einen Brief und nimmt ihn mit nach Hause. „Retour an Absender“ steht darauf, alles weitere ist unleserlich. Heimlich öffnet Deetje den Brief: „‚Mein Liebling‘, lese ich. ‚Die Tage sind so kahl wie Bäume im Herbstwind …‘“ Wer hat diesen Brief geschrieben, wer vermisst seinen „Liebling“? Deetje macht sich mit Hilfe ihres besten Freundes Vito im Wohnviertel auf die Suche nach Antworten. Sie befragt die von allen bewunderte Sängerin Grazia, die inzwischen wieder an der Supermarkt-Kasse arbeitet, ihren Sportlehrer Mo, der von seiner Flucht aus einem anderen Land berichtet, oder den Briefträger Bilal, der hoffnungslos in Grazia verliebt ist. Aufmerksam verfolgt Deetje die Geschichten der Hausbewohner*innen und hinterfragt auch ihre eigene. Woher kommt sie und wieso ähnelt sie ihrer Mutter so gar nicht? Ist sie etwa adoptiert?
Wie schon zuvor mit Ich bin Vincent und ich habe keine Angst (DJLP-Nominierung 2020, Sparte Kinderbuch) und Dieser Sommer mit Jente gelingt der niederländischen Autorin Enne Koens eine stimmige Darstellung kindlicher Perspektiven. Ich-Erzählerin Deetje berichtet von der Suche nach ihrer Identität („Wer bin ich?“), wobei sie sowohl die Lebenswelten ihrer Nachbar*innen erkundet, als auch ihre eigene Familiengeschichte aufdeckt. Wie eine Detektivin verzeichnet Dee in kurzen Tagebucheinträgen den Fortgang ihrer Ermittlungen. Dass sich die Menschen so schnell einer Neunjährigen öffnen und wie selbstverständlich aus ihrem Leben plaudern, wirkt teilweise unglaubwürdig, tut der Geschichte über Geheimnisse und die Suche nach Zugehörigkeit und Bindung aber keinen Abbruch.
Durch die Erzählungen der Erwachsenen über geliebte Menschen, die ihnen fehlen, wird sich Deetje bewusst, dass sie sich nach ihrem – ihr unbekannten – Vater sehnt. Warum erzählt die Mutter nie von ihrer Familie? Warum ist sie oft so niedergeschlagen? Deetje beginnt zunehmend selbstbewusst, ihrer Mutter Fragen zu ihrer Herkunft zu stellen. Am Ende können sich die beiden neu füreinander öffnen und erkennen: „Geheimnisse tun Menschen nicht gut.“
Die Kapitelanfänge und -enden hinterlegt die Künstlerin Maartje Kuiper mit kleinen, in rot-braun-grau gehaltenen Vignetten. Sie eröffnen amüsante Einblicke in die Fenster der verschiedenen Wohnungen.

