„Tschick“, erschien 2010 und lag im Frühjahr 2011 bereits in der 7. Auflage vor. Es kommen keine „Biss“e vom Morgengrauen bis zur Mitternacht vor und die Umschlaggestaltung lässt auf keinen Hype schließen. Sollte wirklich literarische Qualität Ursache des Erfolgs sein?

Das Besondere dieses Adoleszenzromanes sind nicht die Zutaten, die sind eher austauschbar, das Besondere ist die Art und Weise, wie Herrndorf seinen Ich-Erzähler eigenes und das Elend der Welt nicht verstehen, aber beharrlich darüber reden lässt. Hinter undistanziert-frech-rotzig-dissonant Dahergeredetem liegt stets Unausgesprochenes, Nichtsagbares, aber schmerzhaft Vorhandenes. Schon die Anfangssätze lassen aufhorchen, obwohl es übel riecht: „Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen.“ Ruckediguh, Blut ist im Schuh? So rot wie Blut, so schwarz wie …? Fehlanzeige! Alles bedeutungsvoll Klingende wird im nächsten Satz gekippt. Hier handelt es sich um Pisse, die das Bein runterpieselt, gemischt mit dem Blut des Erzählers. Peinlich für den Erzähler, anrührend für den Leser. Und in dieser Melange funktioniert der ganze Text. (Zur Ergänzung: Ort der Handlung ist eine Polizeidienstelle, wo die Helden nach einem Autounfall verhört werden.)

Herrndorf hat ein untrügliches Gespür für Reduktion. Er lässt die Dinge erzählen, redet nicht über sie, spielt gekonnt mit Gesagtem und Gemeintem. Vorwärtsdrängendes Handlungs- und Erzähltempo – eigentlich wird rückblickend erzählt – lassen dem Leser keine Chance auszusteigen. Er sitzt mit drin im geklauten Lada und kurvt mit den 14jährigen Protagonisten durch Berlin, Brandenburg bzw. die Walachei, wobei letztere nach Meinung des Ich-Erzählers Maik gar nicht existiert (für Literaturkenner: Heimat von Dracula). Der abgefahrene Dialog um Existenz- bzw. Nichtexistenz dieser Landschaft, wo angeblich Tschicks Großvater beheimatet ist, obwohl Tschick Russe ist, zeigt Herrndorfs sicheren Umgang mit dem Komischen. Die Helden haben null Ahnung von irgendwas, vertreten diese jedoch mit Vehemenz und werden trotzdem nie vorgeführt. Und dann blickt Maik, selbsterklärter Langweiler und Psycho, plötzlich von einer Aussichtsplattform ins Land – und Erde und Erzähltempo stehen still. Meist ballert danach gleich wieder jemand in der Gegend rum oder ein Reifen platzt, aber hier lässt es Herrndorf dabei und beendet das Kapitel.

Es gäbe viele Adjektive für die Qualität dieses Textes, aber da der Autor verstärkende Adjektive meidet wie der Teufel das Weihwasser, wird auch hier darauf verzichtet. Gekürt mit dem DJLP 2011, Sparte Jugendbuch, ist „Tschick“ kein intendiertes Jugendbuch, aber ein wunderbares Buch über Jugend. Sensible Leser jeden Alters wissen: so ist man nicht nur mit 14, später tarnt man sich nur besser.

(Der Rote Elefant 29, 2011)

Claudia Rouvel