Cover: Maurice Sendak; Kennys Fenster

Es ist Nacht. Kenny schläft in seinem Zimmer. Plötzlich wacht er auf. Er hatte einen Traum, in dem etwas Schönes geschah. Er beschließt in den Traum zurückzugehen, auch weil dort der Hahn war, der ihm sieben rätselhafte Fragen stellte, die Kenny zu beantworten hatte, selbst wenn sie etwas merkwürdig klingen, z. B.: „Was ist eine einundeinzige Ziege?“ Überrascht stellt Kenny fest, dass er die Fragen nicht im Traum gelassen hat, sondern bei sich trägt, in der Schlafanzugtasche. Und schön ist, dass er bei der Antwortsuche nicht allein ist. Traumfiguren sprechen zu ihm, seine Hündin Baby und die Spielkameraden Teddybär und zwei Zinnsoldaten diskutieren mit über die jeweils beste Lösung. Am Ende ist Kenny wieder im Schlaf und im Traum. Er reitet auf einem schwarzen Pferd zum Horizont, wo ein weißes Schiff auf ihn wartet, mit einem Zimmer für einen Freund.

In „Kennys Fenster“ kommen keine „Wilden Kerle“ vor und überhaupt geschieht nichts Schlimmes. Fantasie, Traum und Realität gehen zwanglos ineinander über als ästhetischer Ausdruck für eine bestimmte Zeit der Kindheit, wo Tiere und Spielzeuge noch sprechen können, sich einmischen, ihre Gefühle zum Ausdruck bringen, mit dem Kind in einen Dialog treten, ihm zur Seite stehen.

Die zurückhaltenden Illustrationen, ursprünglich wohl Tuschzeichnungen, aquarelliert, mit nur einer Farbe, mal hellerer, mal dunklerer Ockerton, entsprechen der Leichtigkeit des Textes. Das Fenster, das auch dem englischen Original den Titel gab, wird zu einem Symbol für den Übergang vom Innen zum Außen, für die Durchlässigkeit von Grenzen. Laut Klappentext handelt es sich um das erste von Sendak erschienene Bilderbuch von 1956, bisher nicht ins Deutsche übersetzt. Der Sendak-Kenner mag manchmal schon den Strich späterer Bücher erkennen. Wer das Buch mit einem Kind zusammen ansieht oder liest, könnte bei jeder der sieben Fragen innehalten, aus der Geschichte – wie Kenny aus dem Traum – austreten, eigene Antworten suchen, und dann wieder in die Geschichte zurückgehen. Auch als Gutenachtgeschichte geeignet.

Rudolf Wenzel