Cover: Ingeborg Kringeland Hald, Vielleicht dürfen wir bleiben

Nachdem Soldaten ins Haus gestürmt waren und den Vater erschossen hatten, flüchtete die Mutter mit dem sechsjährigen Albin und den jüngeren Zwillingsschwestern Hals über Kopf. Inzwischen seit fünf Jahren in Norwegen lebend, soll die Familie plötzlich zurück nach Bosnien abgeschoben werden. Das will der nun 11-jährige Albin verhindern und reißt aus. In einem Bus lernt er zwei Mädchen kennen, die auf dem Weg zu den Großeltern sind. Unbemerkt steigt er mit ihnen aus und versteckt sich im Kofferraum des Autos der Großeltern. Er landet in den Bergen und findet eine leer stehende Ferienhütte. Hunger, Kälte und Alleinsein zwingen ihn jedoch, immer wieder die Hütte zu verlassen. Von den Mädchen entdeckt, helfen deren Großeltern dem Jungen und benachrichtigen einen befreundeten Polizisten. Dieser führt Albin, Mutter und Schwestern wieder zusammen. Am Ende heißt es: „Vielleicht dürfen wir bleiben.“

Das für den norwegischen Literaturpreis „Brageprisen“ nominierte Debüt präsentiert eine harte Geschichte, wie sie sich allerdings tausendfach in Europa abspielt. Der Autorin gelingt es, sie so zu erzählen, dass schon jüngere Kinder sich in das Geschehen hineinversetzen können, Empathie für den Helden empfinden und menschliches Verhalten gegenüber Flüchtlingen ‚erlesen‘. Ich-Erzähler Albin spricht gleichsam atemlos aus der Handlung heraus, dabei alles um sich herum genau beobachtend und überdies sich ständig selbst kontrollierend. Einfache Wortwahl und reduzierte Sätze vermitteln eindrücklich Albins Lebensgefühl: stetes Gehetzt-Sein, Misstrauen gegenüber Jedem und nicht zuletzt Todesangst: „Liege ganz still. Darin bin ich Welt-meister. Still sein. Still stehen. Still sitzen. Nichts sagen. Ich kann sogar völlig geräuschlos atmen.“ Besonders nachhaltig wirkt das wiederholte Bild vom „festen Knäuelball“ in Albins Bauch, der sich manchmal lockert, aber im nächsten Moment wieder zusammenzieht. In Albins Erzählfluss sind (kursiv gedruckte) Erinnerungskapitel und Traumsequenzen eingefügt. Darin kommen ungeschönt Fluchterlebnisse der Familie zur Sprache, die sich unauslöschlich als Bilder in Albins Gedächtnis eingebrannt haben. Sie lassen verstehen, was seine (bisherige) Weltsicht geformt hat.

Dem Buch sind Fragen nach den Ursachen für Hass, Mord und Vertreibung und den Hintergründen für behördliche Entscheidungen über Flüchtlingsschicksale ‚eingeschrieben‘. Deren Beantwortung dürfte selbst dem erwachsenen Leser schwer fallen, aber er hat sich diesen zu stellen.

Edda Eska