Cover: Tamara Bach, Vierzehn

„Du schaust auf die Uhr. Über der Tafel hing damals eine Uhr, als du an diese Schule gekommen bist. Die haben sie irgendwann runtergenommen. Dann war da eine Zeit lang ein heller runder Kreis, dann haben sie die Schule renoviert.“ Die 14-jährige Beh betrachtet ihre Welt am ersten Schultag nach den Sommerferien wie Bilder einer Ausstellung. Manches fehlt: z. B. die Erfahrung der Klassenfahrt, an der Beh nicht teilnehmen konnte, da sie vor den Ferien erkrankte, der Vater, der jetzt woanders wohnt, eine echte Nähe zur Mutter und zu den Freundinnen, die ihr fremd geworden sind. Aber: Beh wurde auch zum ersten Mal geküsst. Von Anton. Erst zwei Tage ist das her. Anton kümmert sich liebevoll um Julchen, die jüngere Schwester. Einzig mit diesen Beiden fühlt sich Beh verbunden. In der Kunststunde lautet die Aufgabe, Orte zu fotografieren, „die mal für Menschen, (…) vielleicht für Geselligkeit oder so gedacht waren. Wo jetzt keine Menschen mehr sind.“ Spontan nimmt Beh diesen Auftrag in Angriff. Die Entscheidung für eine Perspektive beendet das distanzierte Zuschauen der Protagonistin. Sie markiert (nach 50 der ca. 100 Seiten) den Drehpunkt der Geschichte. Unerwartet erhält Beh eine Postkarte mit Elefantenmotiv, sie macht einen spontan-mutigen Abstecher mit dem Pflegehund und es macht durchaus Sinn, dass sie ohne Badesachen ins Schwimmbad geht …

Tamara Bach ist eine bemerkenswerte literarische Komposition gelungen. Spannung entsteht dabei durch den Wechsel zwischen Zoom und Weitwinkel in der Sicht auf die Hauptfigur. Diese ringt um die „richtige“ Nähe bzw. Distanz zu ihr wichtigen Menschen. Dem entspricht die gewählte Erzählperspektive. Diese wechselt zwischen einer Ich-Erzählerin, die sich mit „Du“ anspricht und einem auktorialen, ‚rätselhaften Begleiter’, der Beh von außen wie mit einer Kamera umkreist. Die „Du“-Ansprache meint zwar Beh, kommt aber mitunter auch den Lesenden beängstigend nahe. Ähnlich Fotos, die nur Ausschnitte anbieten, bleiben vom ersten Kapitel („moRgen“) bis zum letzten („mama“) Leerstellen, z. B. der nicht preisgegebene Satz auf der Postkarte, welche an den Text binden. Der verdichtet-suggestive Sprachstil arbeitet mit Auslassungen. Es fehlen Adjektive und Verben, welche im Kopf ergänzt werden müssen. Ellipsen aus knappen Sätzen entwickeln einen erstaunlichen Sog.

Um einen Einstieg ins Buch zu wagen, könnten Fotos menschenleerer Orte (s. Cover) und eine Postkarte mit Elefantenpaar als assoziative Grundlage dienen: „Vorne Elefanten, hintendrauf dein Name. Beatrice Emilia Hofmann.“

Sylvia Habermann