Cover: Steven Herrick, Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen

„Rot / war John Barlow / mit seinen blitzschnellen Fäusten …“, beginnt das diesem ungewöhnlichen Jugendbuch prologartig vorangestellte Kapitel „Die Farbe meiner Stadt“. Darin charakterisiert der 14-jährige Ich-Erzähler Harry einige für ihn wichtige Mitmenschen über bestimmte Farben. Auch sind wichtige Dinge mit Farben und Personen verknüpft:  „Weiß“ sind das Nachthemd der Mutter, die Kreide der Lehrerin oder Lindas Kreuz. Harry lebt mit dem Vater und jüngerem Bruder in einer australischen Provinzstadt. Die insgesamt sieben Buchkapitel, gleichsam Impressionen aus Harrys Kindheit Ende der 1950er/Anfang der 1960er-Jahre, sind in Gedichtform gesetzte Prosatexte. Der Tod der Mutter und der Kuchen, den Harrys Freundin Linda der trauernden Familie bringt, erscheinen als früheste und prägendste Eindrücke. Überdies berichtet Harry von Schulhofkämpfen, familiären Ritualen oder von Menschen, welche die Stadt verlassen. Auch Harry wünscht sich einen Aufbruch. Die lakonisch verfassten Kurztexte haben jeder für sich aufgrund der Leerstellen das Potential, den Leser zum Nach- und Weiterdenken anzuregen, wobei erst die Zusammenschau ein verfeinertes Gesamtbild ergibt. Anfangs nur angedeutete (Farb-) Zuschreibungen für Dinge oder Personen (Sehnsucht, Wut, Neid, Scham, Trauer, Hoffnung) überlagern sich nun wie in einem Kaleidoskop, so dass andere Persönlichkeitsaspekte offenbar werden und damit andere Beziehungsmuster: Erbitterte Konkurrenz wird zu respektvoller Freundschaft, heimliche Schwärmerei zu unbändiger Wut, gemeinsame Trauer zu tiefem Vertrauen.

Als literarischer Ort spielt der „Durra Creek“ eine entscheidende motivische Rolle. Nahe dem Fluss liegt der Friedhof, den Vater und Söhne wöchentlich besuchen, in diesem Fluss schwimmen oder angeln die Kinder der Stadt, und als der „Durra Creek“ Hochwasser führt, stirbt Linda in den Fluten. „By the river“ lautet deshalb der Originaltitel des 2004 in Australien erschienenen Buches. Dass sich der deutsche Verlag für „Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“ entschied, ist ebenso ärgerlich-missverständlich wie der nur auf sexuelle Phantasien abzielende Klappentext. Steven Herrick erzählt viel mehr als das: Er zeichnet mittels einer dichten rhythmisierten Sprache auf einfühlsame Weise das beeindruckende Porträt eines Heranwachsenden auf der Suche nach Identität und Bindung(en). Auch wenn Zeit und Ort der Handlung sehr übersichtlich erscheinen, muss sich Harry in einer komplexen, verwirrenden Welt zurechtfinden. Ausgewählte Episoden könnten als Leseanreiz dienen, um analog zu „Die Farbe meiner Stadt“ den Blick auf Figuren, Stil und literarische Motive nah „By the river“ zu richten.

Anja Krauß