Cover: Sarah Crossan, Eins

Die introvertierte 16-jährige Ich-Erzählerin Grace teilt mit der temperamentvollen Tippi einen Unterkörper. Als die liebende Familie aufgrund hoher Arztrechnungen bankrott ist, besuchen die siamesischen Zwillinge erstmals eine öffentliche Schule und verkaufen ihre Geschichte ans TV. Unverhofft finden Grace und Tippi Freunde. Als Graces Herz schwächer wird, birgt nur die operative Trennung minimale Überlebenschancen – für beide oder zumindest eine. Nach dem Debüt „Die Sprache des Wassers“ legt nun die preisgekrönte Autorin, Philosophin und Lehrerin erneut ein bewegendes Buch vor, das durch außergewöhnliche Protagonisten überzeugt und trotz ernster Thematik voller (Galgen-)Humor steckt. Durch ihr Anderssein glaubwürdig weise, reflektiert Grace nüchtern Gefühle und moralische Fragen: Wie viele Opfer darf, kann oder muss man für geliebte Menschen bringen? Muss die 14-jährige Schwester Dragon jobben und klaglos auf alles verzichten? Welchen Wert hat Würde? Posieren Models halbnackt, gilt das nicht als „ … geschmacklos … aber wenn Tippi und ich erwägen, aus unserem Körper/ Kapital/ zu schlagen,/ runzeln alle die Stirn.“ Wer darf über den Wert von Leben richten? Kirche, Wissenschaft, Krankenversicherung? Und: Darf man selbstbestimmt sterben und andere einfach zurücklassen?

Die erzählte Zeit (August bis März) ist kurz – analog zur Lebenserwartung der Zwillinge. Im Januar stirbt Tippi, noch im März wartet Grace auf ein Spenderherz. Wie die Zwillinge ist die Schrift gebunden. Die reimlosen Verse präzisieren, strukturieren, schaffen (Denk-)Raum. Bis zur Trennung ist der Text linksbündig gesetzt, danach mittig, passend zur „klaffenden Lücke“ an Graces linker Körperhälfte. Die 247 betitelten Kapitel sind mal eine Ellipse lang, mal wenige Seiten. Nur Schlüsselkapitel sind länger, wie z. B. „Klettern“: Am Vorabend der Operation erklimmen die Zwillinge einen Baum – Graces letzter Wunsch. Tippi kommentiert: „Scheißegal, was morgen passiert./ Wir sind schon weiter gekommen/ als je irgendjemand gedacht hätte.“ … „,Kommt ihr wieder nach unten?‘, ruft Dragon./ ‚Tun wir das?‘, frage ich Tippi./ ‚Natürlich gehen wir unter‘, sagt sie. / ‚Und wir gehen zusammen unter‘“. In der Übersetzung wird „down“ zu „unter“, bedeutet aber zugleich „nach unten“. Zwar verliert die deutsche Fassung an Rhythmus, bleibt aber insgesamt authentisch.

Zum Einstieg in eine Veranstaltung bewältigen Zweierteams, durch einen Schal am Bein verbunden, eine Aufgabe. Was ist das für eine Erfahrung?

Kristina Vogt