Die „Bloomsbury Group“ bildete sich 1905 aus Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Intellektuellen in London. Im Zentrum standen die Schriftstellerin Virginia Woolf und ihre Schwester, die Malerin Vanessa Bell. Das künstlerische und publizistische Schaffen der Gruppe einerseits sowie die libertäre Lebensweise andererseits wirkten erneuernd auf das damalige kulturelle Klima in England. Vanessa Bell hatte drei Kinder. 1925, als sie mit ihrem Gefährten Duncan Grant und dessen Geliebten ein Landhaus unweit dem der Woolfs bezieht, ist Julian neun, Quentin sechs Jahre und Angelica wenige Monate alt. Die Brüder entfalten sich im freigeistig-kreativen Umfeld und werden bestärkt, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Quentin beginnt früh zu schreiben, Julian engagiert sich politisch, er wird Kommunist.

„Anders als wir“ schließt an „Brüder für immer“ (mixtvision, 2016) an, worin Ich-Erzähler Quentin seine innige Beziehung zu Julian beschreibt, die mit dessen Tod 1937 im Spanienkrieg jäh endet. Das Verschwinden der geliebten Tante Virginia im Frühjahr 1941 steht am Anfang des vorliegenden Romans. Wieder erzählt Quentin, wird aber von Angelica nach wenigen Seiten unterbrochen. Im Gespräch (kursiv gesetzt) konfrontiert die 16-Jährige den älteren Bruder mit ihren Kindheitserinnerungen. Diese weichen von denen des Bruders stark ab. Angelica offenbart Quentin ihre Sehnsucht nach Normalität (z. B. den Wunsch, Köchin zu werden), beschreibt, wie oft sie ignoriert bzw. verlacht wurde und dass sich häufig überhaupt niemand um sie gekümmert habe. Daraufhin muss Quentin, nun Schriftsteller, sein idealisiertes Familienbild zunehmend in Frage stellen, während er das „gemeinsame“ Aufwachsen erneut beschreibt. Im monatlich stattfindenden „Memoir Club“, wo man einander selbstverfasste Geschichten vorliest, stellt Quentin diese veränderte Sicht vor. Dabei wird deutlich: Erst als Virginia Woolf nicht mehr da ist, scheinen manche Dinge sagbar, und auch Angelica findet endlich den Mut, sich der Mutter Vanessa zu offenbaren.

Kromhout gelingt eine interessante Erzählkonstruktion. Sprachlich kunstvoll und psychologisch nachvollziehbar lässt er die Welt der bemerkenswerten Künstlergemeinschaft auferstehen und rückt diese nicht nur an kunstinteressierte jugendliche Leser*innen nahe heran. Insbesondere Angelicas Perspektive mindert eine nostalgisch-verklärende Sicht und weitet das Thema „Familiengeschichte“ ins allgemeine. Das heißt: Egal, in welcher Familie jemand aufwächst, jeder hat das Recht auf seine Erinnerungen, seine „Wahrheit“. Dieser Ausgangspunkt liefert wichtige Impulse für eine spannende Diskussion mit Jugendlichen.

Sylvia Habermann