Cover: Marita de Sterck; Unbewohntes Herz

Von einem Tag auf den anderen wird Emma aus dem familiären Alltag herausgerissen, da die Schwester schwer erkrankt ist. Sie kommt in ein Internat. Alles ist gefängnisgleich organisiert in diesem katholischen Mädchenheim, vieles verboten und Sünde. Gehorsamkeit, Keuschheit, Askese sind Grundpfeiler der Erziehung. Emma, die „gottlos“ aufgewachsen ist, sieht sich plötzlich mit den Regeln und Gesetzen gottesfürchtiger Nonnen konfrontiert. Schon bald wird sie in die nächtlichen Treffen einiger Mädchen im Besenschrank einbezogen. Und versteht nur wenig von dem, was diese erzählen. Merkwürdige Lieder, eigenartige Andeutungen, befremdliche Spiele verwirren sie. Für die pubertierenden Mädchen gibt es vor allem ein Thema – den Taubenjungen, das einzige männliche Wesen in ihrer Nähe. Und Ahnungen von Liebe, Sexualität, Begehren. Als Emma ihre Regel bekommt, ist sie zutiefst verstört. Auch hier leisten die Freundinnen Aufklärungsarbeit. Allein Schwester Maria hat Verständnis. Sie gibt Emma sogar ein Aufklärungsbuch. Nach und nach erschließen sich Emma Zusammenhänge, weiß sie Doppelbödigkeit, Anzüglichkeit der Sprüche und Lieder ihrer Freundinnen zu entschlüsseln. Ihr wird klar, welche „Krankheit“ die Schwester ereilt hat und was die Eltern vorhaben, wenn das Kind geboren ist. Um Unrecht zu verhindern, fasst Emma einen Entschluss. „… das hier musste ich allein tun. War die kleinste Schwester groß genug, in dem dunkelsten aller Märchen von allen mitzuspielen? War sie stark genug, um den steilen Berg zu erklettern, die Wildnis des Waldes zu durchqueren, über die tiefe Schlucht zu springen …?“

De Stercks ungewöhnliche Emanzipationsgeschichte spielt im Belgien der 1960er Jahre. Die Autorin gestaltet einen (weiblichen) Aufstand gegen repressive Erziehungsmethoden, Bigotterie, sexuelle Unterdrückung. Sie zeigt, dass es Wege gibt, um sich aus geistig-religiöser und moralischer Enge zu befreien. Aus dem Besenkammer-Mädchen wird eine rebellische, beherzte junge Frau, aus versteckt-heimlichem Widerstand offene Konfrontation. Kompromisslos versucht Emma, ihre Familie zu „retten“. Es gilt, den Eltern die falsche Scham und Angst vor der öffentlichen „Schande“ zu nehmen und Mut zur Liebe walten zu lassen. Wieder webt De Sterck traditionelle Gedicht- und Liedtexte in ihren Text und hält ein wunderbares, indirektes Plädoyer für die Märchen, die mit ihrer Urkraft Emma befähigen, wohl zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit. Mag manches konkret Erzählte heute überholt erscheinen, die Botschaft, sich aus religiösen und gesellschaftlichen Manipulationen und Rollenzuschreibungen zu befreien, gilt nach wie vor.

Kathrin Buchmann