Cover: Christian Nürnberger; Petra Gerster, Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten

Der Publizist Christian Nürnberger („Mutige Menschen“, DJLP 2010) erzählt episodisch von Luthers Leben, beschreibt dessen Gedanken und Gefühle und ordnet Luthers Leistungen in die Zeit des Mittelalters ein. Zudem beleuchtet er deren heutige Bedeutung. Luther hat in nur vier Jahren „die Weltgeschichte so gravierend verändert, dass wir noch ein halbes Jahrtausend später eine so große Sache daraus machen. Seine ganze Tat bestand darin, dass er … diese Welt gründlich zugetextet hat, zuerst mit seinen 95 Thesen am 31. Oktober 1517, danach in rascher Folge mit Schriften über Ablass und Gnade, die Sakramente, die Buße, die Taufe, das Abendmahl, das Papsttum. In diesen vier Jahren hat Luther auf der Wartburg das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt“.

Nürnberger verweist darauf, dass dies alles kaum bekannt geworden wäre, ohne die Erfindung des Buchdrucks und ohne den unterstützenden, klugen Freund Melanchthon. Nürnberger räumt auch mit dem populären Irrtum auf, Luther sei Wegbereiter von Humanismus und Aufklärung. Luthers Haltung zur göttlichen Ordnung von Obrigkeit und Volk wertet er als eindeutig dem Mittelalter verpflichtet und stellt dem die Gedanken des Humanisten Erasmus von Rotterdam gegenüber. Beider Streit um die „Willensfreiheit“ des Menschen offenbart Luthers starres und dogmatisches Festhalten an der Heiligen Schrift. Der teils gewollt jugendliche Erzählton wirkt bemüht und passt nicht zur Komplexität und Qualität dieser klugen Biografie. Aber Nürnberger erzählt konkret, macht klar, wann er vermutet, welche historische Quelle er deutet und wie er interpretiert. Seine Achtung vor der widerständigen Unbeugsamkeit gegenüber dem Papsttum dieses nur sich und Gott verpflichteten Mannes ist spürbar. Quellen- und Literaturverzeichnis ermöglichen Interessierten eigenes Weiterlesen. Petra Gerster charakterisiert Katharina von Bora und beschreibt, wie beider menschliche Stärken und Schwächen das Leben des Paares und der Familie bestimmten. Die 24-jährige Nonne Katharina und acht weitere flohen aus dem Kloster mit einem Wagen voller Heringsfässer, „nemlich in jeder Tonne eine Jungfrau, darin sie bequem hocken konnte“. Den Gestank möge man sich vorstellen! Die Berliner Künstlerin Irmela Schautz schafft mit humorvollen Illustrationen einen eigenständigen künstlerischen Beitrag. Sie greift in zahlreichen farbigen halb-, ganz- und doppelseitigen Zeichnungen historische Details auf und verbindet diese mit geistreichen Bildideen. Ihre Bilder verlocken zum (Hinein-)Schauen und Lesen. Geeignet für den Bucheinstieg wäre das Bild, auf dem sie Luther vor zahlreichen Mikrofonen darstellt. Teilt man die 18 Buchkapitel auf, erlesen Vierzehnjährige Luthers Gedanken und könnten so eine fiktive Pressekonferenz entwickeln.

Sabine Mähne