Cover: Carla Maia de Almeida, Bruder Wolf

„Am Tag als Malik verschwand, verlor ich meinen Spielkameraden. Und das Leben des Stammes wurde nie wieder so wie früher.“ Als das geschah, war die jetzt 15-jährige Ich-Erzählerin Bolota, zu Deutsch „Krümel“, acht Jahre alt. Bis dahin bewachte Husky Malik das „Rudel“ und der „Stamm“ mit Vater Schwarzer Elch an der Spitze hielt vorbehaltlos zusammen. Dass Malik weggegeben wurde, war ein erstes Signal für den sozialen Abstieg der Familie aufgrund der Arbeitslosigkeit des Vaters. Die Folge: Trennung der Eltern und „Verinselung“ der Geschwister uralter Bruder „Fossil“, jugendliche Schwester „Miss Kitty“ und Bolota. Aber damals war auch „der Sommer der großen Durchquerung der Todeswüste“, ein Versuch von Schwarzer Elch mit Bolota einen neuen Ort für den Stamm zu finden. Doch Schwarzer Elch verschwand spurlos und ließ seine „Prinzessin der nordischen Wälder“ an einem See zurück, um den Waldbrände loderten. Erst sieben Jahre später erhellt ein Zeitungsartikel, was dem Vater geschah und ermöglicht Bolota Rückschau zu halten, um ihr Trauma aufzulösen. Diese Rückschau gerät zur Relativierung eines verklärten Vaterbildes. Begriffe wie Stamm, Rudel, magische Namen für Familienmitglieder, Orte und Unternehmungen waren Versuche, aus einer von Armut bestimmten Wirklichkeit, vor Wirtschaftskrise und Klimakatastrophen auszubrechen. Was aber für ein phantasievolles Kind legitim ist, wirkt bei einem Erwachsenen als Realitätsverlust. Dieser Wahrheit nähert sich die Ich-Erzählerin langsam an. Aber trotz Desillusionierung bewahrt sich Bolota magisch Prägendes aus guten Zeiten. In der  lebensbedrohlichen Einsamkeit am See erscheint ihr Malik, Bruder Wolf, als Beschützer.

Die portugiesische Autorin charakterisiert ihre Hauptfigur über zwei Erzählstränge, im Layout farblich getrennt: auf blauen Seiten finden sich die eher analytisch orientierten Reflexionen der 15-Jährigen, auf weißen Seiten die sinnlich-emotionalen Wahrnehmungen der Achtjährigen. Eine zusätzliche Erzählebene liefern die blau-weißen Feder- bzw. Tuschezeichnungen, angereichert mit viel Schwarz. Details zeigen die immer engeren Wohnräume der Familie, andere illustrieren die Welt draußen, worin sich die Verlorenheit des Menschen zeigt, was das Einzelschicksal Bolotas ins Allgemeine weitet. Wegen der raffinierten Erzähltechnik hätte die Autorin auf zusätzliche Metaphern, wie z. B. das Auseinananderdriften tektonischer Erdplatten für das Auseinanderbrechen der Familie oder die „Jäger des gelben Metalls“ für gnadenlose Kapitalisten verzichten können. Trotzdem ein poetisch-dichtes und gleichzeitig politisches Buch, das geübte und sensible Leser braucht.

Claudia Rouvel