Cover: Toon Tellegen; Ich wünschte

Dieses Buch ist nicht zum Durchblättern geeignet. Sobald man eine Bildseite aufschlägt, blickt man nicht nur hinein, sondern wird angesehen ‒ von dem ernsten Blick ‒ meistens ‒ eines Kindes vor neutralem Hintergrund. Es sind mattfarbige, großflächige Gesichter, weit auseinanderstehende Augen, keine Wimpern, angedeutete Schatten, Hautunreinheiten. Die äußere Welt ist nicht vorhanden, trotzdem scheint es um Schicksale zu gehen. Auf der gegenüberliegenden Seite kann man Wünsche lesen, Beobachtungen, Situationsbeschreibungen. Ein Mensch, dem sogar ein Name gegeben wird, sagt etwas über sich, über seine Träume, seine Ängste, seine Wahrnehmung der Welt. Das sind manchmal ganz kindliche Vorstellungen: ein Nashorn als Haustier zu haben, die Schule von Aliens entführen zu lassen oder ein Mittel gegen das Kitzeln zu finden. Dann aber geht es auch um Schmerz, um Tod, um Liebe. Und oft wird das Denken selbst zum Thema ‒ und die Grenzen des Denkens. „Es gibt so viel, worüber man lieber nicht nachdenken sollte.“

Wer sich zutraut, dieses „Geschenkbuch“ zusammen mit Kindern anzusehen, sollte auf jeden Fall davon ausgehen, dass Kinder Menschen und als solche zu ernsthaften Gedanken fähig sind, dass sie über sich selbst reflektieren können. Dann könnte man zu einzelnen Bildern fragen: Wer könnte das sein? Was hat diese Person schon erlebt? Was könnte sie sich wünschen? Das wäre, ohne dass die Kinder das zu wissen brauchen, eine erste Übung in Empathie, einer Eigenschaft, die in der Gesellschaft zunehmend verloren geht. Nimmt man dann eine Textseite hinzu, ist man schon dort, wo das „Philosophieren mit Kindern“ anfängt. Und das hat durchaus spielerisch-phantastische Elemente, wenn es z. B. in einem Dialog darum geht, die Welt zu retten. „Ich kann nur hoffen, dass es nicht zu kompliziert ist. Sonst geht es schief, und die Welt ist verloren.“ Der erwachsene (Mit)Leser sollte außerdem darauf gefasst sein, dass er manchmal mit Fragen konfrontiert wird, die sein eigenes Selbstbild auf eine harte Probe stellen. Wenn er sich etwa in die Rolle der Figur Jose versetzen würde. Würde er es wagen, stellvertretend für die schweigende Menschenmenge zu sagen: „Das mache ich nicht.“? Ein ungewöhnliches, intensives Buch. Leider ziemlich teuer.

Rudolf Wenzel