Cover: Sylvie Neeman,Etwas ganz Großes

Für dieses kleine, tiefsinnige Bilderbuch könnte Thomas Gordons „Familienkonferenz“, insbesondere das Kapitel über „verstehendes Zuhören“, Pate gestanden haben. Die Geschichte über Groß und Klein – vielleicht Vater und Sohn – beginnt mit dem Wunsch des Kleinen, etwas „ganz Großes machen“ zu wollen. Was das sein könnte, weiß er nicht, ahnt aber seine Grenzen und gerät darüber in Wut. Der Große spürt diese Wut, wendet sich dem Kleinen zu und bemüht sich im Gespräch herauszufinden, worum es dem Kleinen geht. Vergeblich macht er Vorschläge. Da der Große dem Kleinen vorrangig rational begegnet und dessen emotionale Situation kommunikativ nicht berücksichtigt, reden beide aneinander vorbei und kommen nicht weiter. Um Bewegung in das Ganze zu bringen, entschließen sich beide zu einem Spaziergang. Und wirklich! Am Meer findet der Kleine einen gestrandeten Fisch. Vorsichtig trägt er den glitschigen Hilflosen über die Steine ins Meer zurück. Auf dem Rückweg verheißt der Große warmen Kakao und ein Feuer zum Wärmen. „Weißt du, ich glaube, das, was du gerade gemacht hast, war etwas ganz Großes.“

Der dialogische Text ist ergänzt um charakterisierende Kommentare, die auf Grenzen des gegenseitigen Verstehens verweisen. „‚Ach so, ich verstehe‘, sagt der Große und versteht gar nichts mehr. ‚Dann ist ja gut‘, antwortet der Kleine. Aber ganz überzeugt ist er nicht“.

Die liebenswerte Beschreibung einer Annäherung von Groß und Klein wird durch farbige ein- und doppelseitige Illustrationen zu einem künstlerischen Bilderbuch, bei dem Text und Bild eine gelungene Einheit bilden. Mit Buntstift oder Kreide in Blau-, Grün- und Rottönen deutet die flämische Künstlerin auf cremefarbenem Hintergrund Landschaft und Lebensort an. Die warmherzige Beziehung zwischen Groß und Klein drückt sie aus, indem mit wenigen Strichen die Figurenkonturen übereinander gezeichnet wurden. Das Layout integriert den Text in die Illustration und betont damit enge Verbundenheit auf bildkünstlerischer und psychologisch-emotionaler Ebene.

Der kindlich-naiv anmutende Strich animiert zu eigener Gestaltung der beiden Figuren. Mit Buntstift oder Kreide könnten Kinder einen nächsten Spaziergang gestalten, der dann vielleicht in einen Wald führt …

Sabine Mähne