Cover: Jon Klassen; Wo ist mein Hut

Der Hut vom Bär ist weg. Da er ihn unbedingt zurückhaben will, macht er sich auf die Suche und fragt alle Tiere. So trifft er einen Fuchs, einen Frosch in einem Teich, ein Kaninchen mit einem roten, spitzen Hut, eine Schildkröte hinter einem Stein, eine Schlange auf einem Baum … Aber niemand will den Hut gesehen haben. Erst als ein Hirsch zurückfragt, wie denn der Hut aussähe, fällt dem Bären etwas auf: Der Hut wurde ihm gestohlen! Sofort begibt er sich auf den Rückweg, den Lügner und Dieb zu stellen. Die Wiederbegegnung endet unerwartet …

Strukturell wirkt das mit dem DJLP 2013 ausgezeichnete Bilderbuch von Jon Klassen auf den ersten Blick wie eine typische Stationengeschichte. Doch hier erwartet den Leser/ Betrachter mehr: eine als  Irritation angelegte Rezeptionsstrategie, die Zurückblättern und Prüfen geradezu erzwingt. Nur auf den zweiten, genaueren Blick können Leerstellen gefüllt werden, die sowohl den Protagonisten als auch den Leser/Betrachter betreffen. Erst dann offenbaren sich Wahrheit und Lüge, erst dann lässt sich die Geschichte in ihrer „gewaltigen“ Konsequenz begreifen. Dabei spielt die Signalfarbe Rot in Text und Bild eine wesentliche Rolle, sticht aus den bräunlich-gedeckt kolorierten Illustrationen hervor, ist für alle Geschehnisse rund um den Hut wegweisend. Überhaupt fasziniert das ‒ bis hin zur handlungsbezogenen Typografie ‒ durchkomponierte Layout. Besonders beeindruckt, wie es dem Künstler gelingt, allein durch minimale Veränderung der Augenstellung die reduziert gezeichneten Figuren und die Kommunikationssituation zu charakterisieren. Nur dadurch kann der Betrachter rückblickend erkennen, warum der Bär überhaupt auf die Lüge hereingefallen ist: Er sieht nicht genau hin. Und der Betrachter weiß erst im Rückgriff, was der Bär gesehen haben musste. So fordert das hintergründige Bilderbuch auf lustvolle Weise Konzentration und Genauigkeit. Und was für ein Vergnügen, nach dem eigenen „Aha-Effekt“ es einem anderen zu zeigen und zu beobachten, wie dieser auch nicht durchblickt!

Der theatrale Aufbau des Textes samt knapper innerer Monologe und Dialoge eignet sich sehr gut zum Nachspielen. Auf welche Weise konnte es gelingen, die Zuschauer auf eine falsche Fährte zu führen?

Michael Böhnisch