Cover: Annemarie von Haeringen, Ossip und der rote Faden

„Nanu, was ist das? Wohin das wohl führt?“ Auch ohne diesen Rückentext machen Vor- und Rückendeckel neugierig. Inmitten eines roten, labyrinthischen Gebildes zieht eine Figur mit riesig-spitzer roter Mütze an einem roten Faden. Genauer betrachtet lassen sich Pflanzen, Tiere oder Gegenstände erkennen. Auf dem Titelblatt fungiert der Faden dann als Seil. Darauf tänzelt die Figur über dem Namen Ossip. Auf der ersten Doppelseite wartet dieser Ossip im Eingang einer Teekanne mit warmen Brötchen auf eine noch unbekannte „sie“. Unweit hängt der rote Faden in einer Pflanze. „Wohin das wohl führt?“ Der Faden führt Ossip auf eine phantastische Reise zu Lande, zu Wasser und in der Luft, wobei manches vom Cover wieder auftaucht. Mal hängt der Faden fest, mal verheddert er sich oder wird von einer grässlichen Kreuzspinne okkupiert. Am Fadenende landet Ossip bei Freundin Wawa, aber: Nanu, was ist das? Wawas einstmals riesig-spitze rote Mütze ist nur noch ein Mützchen …

Ein wichtiger Ort auf Ossips Reise ist eine Künstlerwerkstatt. Dort findet er eine Skizze von sich. Damit ist eine zweite Bedeutungsebene eröffnet. Auf dem Arbeitstisch liegen Materialien und Werkzeuge, welche van Haeringen für die Illustrationen verwendete: Tinte, Feder, Pinsel, Farbe, Buntstifte, Anspitzer. Danach gerät Ossip an einen dunklen Ort (der Kopf der Künstlerin?), wo (kinder)literarische Figuren (z. B. Elefant Babar, Märchenfiguren, ein Mäuserich) ebenso parat sind wie (symbolisches) Spielzeug (Würfel, Puzzles, Scrabble). Neben diesen Verweisen, insbesondere auf H. C. Andersen, erinnert Ossip mit spitzer Mütze und langer Nase unschwer an Pinocchio, dessen phantasie-volle „Lügen“ ihn berühmt machten. Ossips Eigenschaften scheinen auch die seiner Schöpferin zu sein. Phantasie, Neugier, Spieltrieb, Mut zum Aufbruch und Durchhalten bei Widerständen machen eine Figur interessant, bestimmen aber auch jeden künstlerischen Prozess. Mal verheddert sich der rote Faden, mal hakt er fest, aber letztlich markiert er einen spannenden Anfang und findet ein originelles Ende. Auch im Text weiß der Leser manchmal nicht genau, ob es Ossip oder die Erzählerin ist, die fragt: „Wohin das wohl führt?“

Kindliche Leser/Betrachter*innen werden wohl eher dem roten Faden folgen, der Ossip, dessen Abenteuer und Wawa samt aufgeribbelter Mütze verbindet. In literarischen Veranstaltungen jedoch könnte die zweite Bedeutungsebene, welche danach fragt, woraus sich Kunst und Kreativität speisen, genauer betrachtet werden. Ausgangspunkte wären dann der illustrierte Arbeitstisch Annemarie van Haeringens und die Höhle voller Figuren.

Claudia Rouvel